Der Große Canyon (Bolschoj Kan'jon) der Krim trennt vom Aj-Petri den nordöstlichen Teil ab, der den Namen Bojko trägt. Der Canyon ist von einem Netz aus Straßen und Pfaden umgeben. Von dem Ort Sokolinoe aus kann man seine Mündung auf einem Fußpfad erreichen, der nach etwa fünf Kilometern ansteigende Straße nach links abzweigt. Bis zu dieser Abzweigung kann man aber ebenso gut mit dem Auto fahren, es gibt einen Parkplatz, und zur Touristensaison warten hier junge Männer, die gegen ein kleines Entgeld eine Führung zu den Sehenswürdigkeiten des Bolschoj Kanjon anbieten. Sokolinoe liegt an der Straße, die von der Strecke Simferopol - Sevastopol einige Kilometer hinter Bachtschisaraj nach links in Richtung Jalta abzweigt.
Die Bezeichnung «Großer Canyon» geht auf den Naturkundler Pusanov zurück, der ihn 1925 erstmals unter diesem Namen schriftlich erwänte. Die Parallele zum amerikanischen Grand Canyon war, wie man sich denken kann, keinesfall zufällig gewählt. Immerhin mißt der Krim-Canyon mehr als drei Kilometer in der Länge und erreicht eine Höhe beziehungsweise Tiefe von bis zu 350 Metern. Der Canyon entstand im mittleren Jura, als das Urmeer allmählich absank. Bei diesem Prozeß unterlag der Gebirgszug diversen Verschiebungen. Der Canyon verdankt seine Existenz den größten Verschiebungen entlang des Nordhangs des Aj-Petri-Massivs.
Das Gebiet des Canyon ist fast vollständig von Wald bedeckt, die Höhenlage von 700 bis 1000 Metern bietet auf der Krim gute Bedingungen vor allem für die Krimkiefer. In den unteren Höhenlagen (von 300 bis 600 Meter) überwiegt Eichenwald, zum Teil von Ahorn und Eschen durchsetzt. Auf dem Plateau gedeihen lediglich Gras- und Steppengewächse. Der Canyon ist seit 1974 Naturschutzgebiet und nur mit Erlaubnis oder auf organisierten Touren mit kundigen Führern zu betreten. Eine Ausnahme bildet der Weg von der schon erwähntigen Abzweigung bis hin zur «Wanne der Jugend», die auf markierten Pfaden zu erreichen ist.
Das heutige Aussehen der Landschaft wurde durch Erosion, Verkarstung- und Verwitterungsprozesse geprägt: Mit der Zeit wurde die Felspalte von Wasserläufen zu einem Canyon ausgeformt. Das Wasser hat darüber hinaus zahlreiche sogenannte «Wannen» in seinem Lauf ausgewaschen - eine davon ist die «Wanne der Jugend» (Wanna molodosti). Sie befindet sich etwa eineinhalb Kilometer von der Mündung des Ausun-Usen entfernt, ihr Wasser ist auch an heißen Sommertagen nicht wärmer als 9 bis 11 °C. Mutige nehmen dennoch, in der Hoffnung auf ewige Jugend, ein äußerst erfrischendes Bad.
Die «Wanne der Jugend» ist der Endpunkt der üblichen touristischen Exkursionen. Weiter den Flußlauf hinauf wird der Canyon für Wanderer immer schwieriger zu begehen. Nach einer späten Schneeschmelze kann er in seiner zweiten Hälfte auch im Sommer reichlich Wasser führen. Dann wird die Eükursion zu einer waghalsigen Kletterpartie entlang der Felswände. Ein steiler Aufstieg ist erforderlich, um vom Flußbett aus Plateau des Massivs zu erreichen. Von oben bietet sich ein beeindruckender Blick auf dessen verschiedene Aus-Abenteuer sollte man sich jedoch nur mit Ortskundigen und guter Ausrüstung einlassen. Weitere Gefahren liegen in der abends rasch einbrechenden Dunkelheit, der raschen Abkühlung, gelegentlichem Steinschlag und dem bei Regen schnell ansteigenden Wasserpegel.
Wenn man mit einem ortskundigen Begleiter zur «Wanne der Jugend» geht, wird er sicherlich diese oder doch eine sehr ähnliche Legende erzählen: In den Bergen der südlichen Krim lebte einmal ein altes Ehepaar. Eines Tagen machte sich der Mann auf in den Wald, um Holz zu suchen. Er blieb lange fort, mehrere Tage, und die Alte begann, sich Sorgen zu machen. Da klopfte es an der Tür, und ein schöner Jüngling stand auf der Schwelle. Die Alte erschrak sehr, sie kannte ihn nicht und wollte die Tür schon wieder schließen. Doch irgendetwas kam ihr bekannt an ihm vor. «Was hast du denn», sagte er da, «erkennst du dein Alten nicht mehr?» Durch ihre Verwunderung verstand der Mann erst selbst, was geschehen war: Er hatte in der «Wanne der Jugend» gebadet und war wieder zu einem jungen Mann geworden. Nun wollte seine Frau natürlich auch wieder so schön und jung werden, und so machte sie sich ebenfalls auf den Weg zum Jugendbrunnen. Sie blieb auch sehr lange fort , und so machte sich ihr Mann auf den Weg, um sie zu suchen. Er suchte lange, doch er konnte sie nirgendwo finden. Plötzlich hörte er ein Kind schreien. Er folgte dem Geräusch bis zur «Wanne der Jugend» und fand dort einen Säugling direkt neben dem Wasser liegen. Zuerst wunderte er sich, wer das Kind so allein liegengelassen hatte. Doch dann bemerkte er, dass das Kleinkind in den Schal seiner Frau gewickelt war. Sie hatte zu lange gebadet.